Liebe Leserin und lieber Leser!
Jeder kennt das aus eigener Erfahrung. Man lernt einen netten Menschen kennen, spricht vielleicht über das Wetter oder Fußball. Aber schon bald landet man beim Beruf. Wo und wie wir beruflich tätig sind, entscheidet über unsere Interessen, Gesprächsthemen und Kontakte. Unser Platz in der Gesellschaft wird dadurch bestimmt. Deshalb ist die berufliche Inklusion der wichtigste Schritt zur gesellschaftlichen Inklusion von Menschen mit einem Handicap.
Und das muss kein zusätzliches Geld kosten! Unser Land gibt erhebliche Mittel für die berufliche Integration von Menschen mit einer Behinderung aus. Es kommt darauf an, die vorhandenen Mittel anders zu verwenden als bisher, wo immer das sinnvoll ist.
Nach über einem Jahr der Erprobung im Praktikum wurde gerade der erste Mitarbeiter unserer Werkstatt in einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz übernommen (siehe das folgende Interview). Weitere 6 bis 8 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich seit einem halben Jahr auf diesen Schritt vorbereiten, werden im Sommer unsere Werkstatt verlassen und ihre Arbeit bei der Firma Norgren in Alpen fortsetzen, ebenfalls auf betriebsintegrierten Arbeitsplätzen. Mit der gleichen arbeitsvertraglichen Sicherheit und pädagogischen Begleitung wie bisher, aber eben in einem normalen Betrieb.
Was ändert sich dadurch?
Inklusion der Mitarbeiter/innen
Die behinderten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben ihren Arbeitsplatz und ihre Kollegen da, wo auch nichtbehinderte Menschen beschäftigt sind. Sie arbeiten nun in einem normalen Betrieb und identifizieren sich mit ihrer neuen Firma. Dabei behalten sie die soziale Sicherheit ihres Werkstattvertrages. Diese Regelung ist auf Dauer möglich, aber auch jederzeit die Rückkehr in die Werkstatt.
Wenn es uns gelingt, betriebsintegrierte Arbeitsplätze zu einem Regelangebot zu machen, werden viele Menschen mit einem Handicap Arbeit finden, die jetzt dauerarbeitslos sind. Obwohl sie wegen ihrer Behinderung einen Rechtsanspruch auf einen bedarfsgerechten Arbeitsplatz haben, scheuen sie den Eintritt in eine Sondereinrichtung für behinderte Menschen oder haben aus diesem Grund die Werkstatt wieder verlassen. Das betrifft vor allem Menschen mit einer leichten Intelligenzminderung, psychisch Kranke, körperlich behinderte Menschen und Personen mit einer Hirnschädigung.
Wettbewerbsvorteile für die Werkstatt
Anfangs ist es für die Werkstatt ein Problem, wenn Leistungsträger die Produktion verlassen. Weil aber neue Kräfte für diese Aufgaben benötigt werden, müssen mehr Beschäftigte als bisher trainiert und qualifiziert werden. Der fachliche Vorsprung, den die Werkstätten in Deutschland in der beruflichen Rehabilitation von behinderten Menschen haben, wird dadurch weiter ausgebaut: Die Werkstätten werden noch rehabilitativer und arbeitsmarktnäher. Da die Werkstätten in Teilbereichen ihrer Leistungen langfristig mit Konkurrenz rechnen müssen, ist das ein wichtiger Wettbewerbsvorteil.
Wettbewerbsvorteile für die Betriebe
Firmen können sich durch diese voll subventionierten Arbeitsplätze zusätzliche Dienste leisten, die zu einer Entlastung der übrigen Belegschaft und höheren Produktivität führen, z.B. Botendienste oder Assistenztätigkeiten. Weitere Wettbewerbsvorteile sind das öffentlichkeitswirksame soziale Engagement des Unternehmens und eine geringere Ausgleichsabgabe. Das ist besonders für kleine und mittelständische Unternehmen interessant, die es sich nicht leisten können, Personal für Hilfstätigkeiten einzustellen.
Rekultivierung der Arbeitswelt
Durch betriebsintegrierte Arbeitsplätze ist eine Rückkehr möglich zu einer Arbeitswelt, wie sie bis vor 30 Jahren in vielen Bereichen üblich war. Menschen mit einem Handicap gehörten selbstverständlich im Betrieb dazu, haben in Helfertätigkeiten assistiert oder Nischenarbeitsplätze ausgefüllt. Wenn in einem Betrieb Leistungsstärkere und Schwächere kollegial zusammenarbeiten, ist das ein Gewinn für die ganze Belegschaft, für die Arbeitsatmosphäre und für das Selbstverständnis des Unternehmens.
Keine Verdrängung vorhandener Arbeitsplätze, langfristig Chancen auf neue
Es entstehen zunächst ausschließlich zusätzliche Arbeitsplätze, vorhandene Arbeitsplätze werden also nicht verdrängt. Allerdings sind die Chancen der Leistungssteigerung für einen behinderten Menschen in einem normalen Betrieb größer, so dass langfristig auch die Übernahme in ein reguläres Arbeitsverhältnis gelingen kann. Die Chancen dafür sind größer, wenn behinderte Menschen einzeln in Betriebe vermittelt werden statt als Gruppe, weil sie sich dann mehr an ihren nichtbehinderten Kolleg/innen orientieren. Auch die Integrationschance ist bei Einzelarbeitsplätzen größer: man gehört zum Team.
Einsparung von Steuergeldern
Die öffentliche Hand spart Geld, weil weniger Werkstattplätze gebaut und unterhalten werden müssen.
Werkstätten sind eine wichtige soziale Errungenschaft für Menschen mit einem Handicap und für viele genau der richtige Arbeitsplatz, eine sichere berufliche Heimat. Für immer mehr werden Werkstätten künftig zum Kompetenzzentrum für berufliche Rehabilitation und Inklusion.
Herzliche Grüße
Jo Becker
Jo Becker: Herr S., wie sind Sie zu Spix gekommen?
Herr S.: Ich bin 1999 arbeitslos geworden, da war ich Mitte 40. Ich habe mich überall beworben, ohne Erfolg. Habe auch kostenlose Praktika angeboten, aber alles war umsonst. Ich war wohl schon zu alt. Darüber bin ich chronisch depressiv geworden und musste immer wieder für längere Zeit ins Krankenhaus. Dort habe ich von Spix erfahren.
Jo Becker: Was konnte Spix für Sie tun?
Herr S.: Zuerst bin ich ins Sozialpsychiatrische Zentrum gegangen, zu dem regelmäßigen Treff. Es war gut, eine Gemeinschaft von Menschen zu finden, die auch seelisch behindert sind. Dort habe ich auch Leute kennen gelernt, die eine Werkstatt besuchen. Am wichtigsten in der Zeit waren für mich die Gespräche mit Herrn van Staa und die Sportangebote von Barbara Reitz. Die bietet im SPZ ehrenamtlich Sportgruppen an. Ohne sie wäre meine Arbeitskraft nicht erhalten geblieben. 2006 habe ich dann in der Werkstatt angefangen.
Jo Becker: Wie ging es dann weiter?
Herr S.: Zuerst habe ich die verschiedenen Arbeitsbereiche kennen gelernt. Es war die erste Zeit nicht leicht, wieder jeden Tag vollschichtig zu arbeiten.
Jo Becker: Heute gehen Sie nicht mehr in der Werkstatt arbeiten. Wie kam das?
Herr S.: Nachdem ich mich stabilisiert hatte, wollte ich testen, ob ich es wieder auf dem ersten Arbeitsmarkt schaffe. Ich fand die Möglichkeit gut, mit der Sicherheit meines Werkstattvertrages Praktika zu machen. Aber die ersten Versuche klappten nicht. 2007 war ich bei dem Elektrogroßhandel Heiks für 6 Wochen, in der Kommissionierung. Ich habe die bestellten Waren nach den Kundenwünschen zusammengestellt. Es war aber nur eine Urlaubsvertretung, danach hatten die keine Arbeit mehr für mich. 2008 war ich dann für 4 Wochen beim Sanitärgroßhandel Pietsch im Lager. Dort gefiel es mir nicht, vor allem weil die auch zu wenig Arbeit für mich hatten.
Jo Becker: Nun sind Sie seit über einem Jahr bei der Firma Schmidt. Wie ist es da?
Herr S.: Ich bin da im Sanitärbereich tätig und räume die angelieferte Ware ins Lager. Das ist der richtige Platz für mich. Man ist erkrankt, dass sag ich auch allen offen, aber die Kollegen sind in Ordnung da.
Jo Becker: Wie sind Sie mit der Weiterbetreuung durch die Werkstatt zufrieden?
Herr S.: Anfangs kamen mehrere Leute von Spix regelmäßig vorbei, die haben bei mir reingeschaut und mit den Leuten der Firma gesprochen. Eine Zeit lang kamen die kaum noch, dass fand ich nicht gut, dass die Werkstatt sich nicht gekümmert hat. Jetzt kommt mein Gruppenleiter einmal im Monat für 1 Stunde und ich bin einmal im Monat für 1 Tag in der Werkstatt, um den Kontakt nicht zu verlieren. Das ist mir auch ganz wichtig.
Jo Becker: Haben Sie neue Kontakte gewonnen?
Herr S.: Ich verstehe mich mit den Kollegen sehr gut, aber außerhalb der Arbeitszeiten habe ich keine Kontakte, auch nicht zu meinen früheren Kollegen aus der Werkstatt.
Jo Becker: Wenn Sie Ihre jetzige Arbeitssituation mit der Zeit in der Werkstatt vergleichen: was ist anders?
Herr S.: Ich bin abends hundekaputt. Irgendwann werde ich auch wieder in die Werkstatt zurückkehren. Nach dem Abendessen lege ich mich ein bisschen aufs Sofa, danach kann ich nichts mehr unternehmen.
Jo Becker: Ist die Belastung dann nicht insgesamt zu anstrengend?
Herr S.: Im Moment bin ich sehr zufrieden: ich habe eine vernünftige Aufgabe, nette Arbeitskollegen und es tut gut manchmal gelobt zu werden.
In der Werkstatt waren die Arbeiten nicht so anfordernd, öfter langweilig, jetzt werde ich mehr gefordert. Ich brauch es mich ganz einbringen und auspowern zu können. Aber ich brauche auch die Sicherheit zurückkehren zu können, wenn ich das mal nicht mehr schaffen sollte.
Jo Becker: Was sagen Sie anderen, die überlegen ob sie auf einen betriebsintegrierten Arbeitsplatz gehen sollen?
Herr S.: Es ist anstrengend, aber es lohnt sich wirklich!